Henoch - der auf den Himmel wartete

Henoch – ein treuer Prophet Gottes

Henoch - der auf den Himmel wartete

Henoch war ein Erlöster, denn er hat sich bekehrt. Er war ein Mann Gottes, denn er lebte mit Gott. Er war sozusagen ein „Himmelsbürger“, denn seine Entrückung wird mit seinem Glauben verbunden. Er war ein Anbeter, denn er nahte Gott. Er war zudem ein Gläubiger, der durch praktisches Glaubensvertrauen in seinem Leben geprägt war.

Das aber ist nicht alles, was Gott uns über sein Leben mitteilt. Henoch war auch der erste Prophet, den diese Erde gesehen hat. Zwar gab es vorher schon Offenbarungen Gottes, zum Beispiel durch die Schöpfung und Gottes Ankündigung, dass der Nachkomme der Frau – Christus! –Satan überwinden, ja sogar zermalmen würde. Aber in alledem handelte und sprach Gott selbst.

Der erste Prophet

Nun aber beauftragte Gott einen Menschen, um eine Botschaft Gottes zu bringen. Und die hatte es in sich! So wurde Henoch der erste Prophet der Weltgeschichte. Diese Tatsache aber wird uns erst im letzten Brief des Neuen Testaments mitgeteilt (Jud 14.15). Das ist Gottes Weisheit. Gott gab Henoch also nicht nur das Zeugnis, dass dieser Ihm Freude bereitet hatte (Heb 11,5). Henoch selbst legte Zeugnis von dem ab, was Gott ihm gesagt und aufgetragen hatte.

Der späte Bericht über diese Prophezeiung bedeutet nicht, dass sie unbekannt war. Viele haben sich gefragt, woher Judas die Weissagung wohl kannte. Ungläubige Theologen denken dann nicht zuerst an Gottes Offenbarung, sondern daran, dass Judas dies aus den Apokryphen entnommen hätte (siehe den beigefügten Kasten). Was bleibt dem Unglauben auch anderes übrig? Als Gläubige jedoch wissen wir, dass Gott eine womöglich damals nicht mehr bekannte Weissagung Henochs durch eine persönliche Mitteilung an Judas weitergeben konnte. Ebenso ist es möglich, dass die Weissagung „geläufig“ war, denn Henoch hatte sie ja verbreitet.

Die Weissagung

Die Weissagung selbst ist zu Herzen gehend. Wie so oft, wenn etwas zum ersten Mal in Gottes Wort erwähnt wird, findet man dabei grundlegende Merkmale zu diesem Punkt. In diesem Fall lernen wir einige Grundsätze zum Thema „Weissagung“ (siehe Kasten 2). An dieser Stelle nur ein paar Hinweise zur konkreten Prophezeiung:

„Es hat aber auch Henoch, der Siebte von Adam, von diesen geweissagt und gesagt: ‚Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, um Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben‘“ (Jud 14.15).

  • Der Geist Gottes stellt sicher, dass wir an den richtigen Henoch denken (hebr. Hanoch, denn im Hebräischen wurden ursprünglich die Vokallaute wie e oder a nicht notiert). Hier spricht nicht, wie später Bileam (4. Mo 23.24), ein Ungläubiger: Hanoch war ein Sohn Kains (1. Mo 4,17.18). Dieser aber ist nicht gemeint, sondern Henoch, der Siebte von Adam (Adam, Seth, Enos, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch). Wir haben gesehen: Er war nicht nur gläubig; er war zudem ein treuer Mann Gottes.
  • Henoch weissagte von der großartigen Verherrlichung des Herrn auf dieser Erde. Auch wenn er nicht das Geheimnis von der Entrückung der Erlösten (1. Thes 4,15-17) enthüllen konnte, was erst in der Zeit der Apostel vollständig möglich war, darf er, der selbst entrückt wurde, doch von der Herrlichkeit des Herrn zeugen. Sie ist letztlich immer zentraler Punkt der göttlichen Weissagungen bzw. steht hinter den Prophezeiungen. Henoch sagte damit Tausende von Jahren vor Paulus voraus, was dieser den Thessalonichern offenbarte: „Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird auch Gott die durch Jesus Entschlafenen mit ihm bringen“ (1. Thes 4,14). In welchem Maß Henoch diese Weissagung wirklich erfassen konnte, wissen wir natürlich nicht.
  • Auch wenn sich die Weissagung Henochs in ihrer eigentlichen Bedeutung auf die Zukunft bezieht, galt sie erst einmal seinen Mitmenschen. Er selbst wusste ja nicht, dass der eigentliche Sinn seiner Weissagung auf eine ganz andere, viel später liegende Endzeit bezogen war. Im Judasbrief beschreibt Gott durch die Weissagung die Gottlosigkeit derer, die sich heute zum Volk Gottes zählen, in Wirklichkeit aber keine Beziehung zum Herrn Jesus haben. Henoch spricht also in der ersten Anwendung von seinen gottlosen Zeitgenossen, seien sie Nachkommen Kains oder Seths gewesen. Besonders tragisch ist, dass viele, ja die meisten, auch aus der Linie Seths stammten. Zwar fing man damals an, den Namen des HERRN anzurufen (1. Mo 4,26), aber viele von den Nachkommen Seths waren in Wirklichkeit Gottlose und kamen später auch in der Flut im Gericht Gottes um. Natürlich spricht die Weissagung in ihrer eigentlichen Bedeutung von den Gottlosen unserer Zeit, der Endzeit, die Gott auch damals schon vor Augen hatte.
  • Henoch „nimmt kein Blatt vor den Mund“. Viermal spricht er von Gottlosen und Gottlosigkeit. Ungeschminkt spricht er über den furchtbaren Zustand seiner Zeit. Er sagt, was Gott ihm aufgetragen hat. Und wir erkennen, wie wahr diese Beschreibung auch für die sogenannte Christenheit um uns herum ist. Um diese geht es ja auch in erster Linie in der Weissagung, wobei die von Judas angekündigte Wiederkunft auch heute noch zukünftig ist („gekommen inmitten seiner heiligen Tausende“).
  • Gott möchte nicht, dass Menschen ungewarnt ins Gericht kommen. So weissagt Henoch vom kommenden Gericht. Gott kündigt dieses an mit dem Ziel, dass sich noch möglichst viele Menschen warnen lassen. Das ist auch heute Gottes Ziel, wenn Er uns als Zeugen benutzt.
  • Gott hat für sein Gericht einen objektiven Maßstab, den jeder erkennen kann. Diese Norm ist Gottes Wort. Anhand dieses Wortes „überführt“ Er alle Gottlosen. Jeder weiß, warum er gerichtet wird, und wird nicht im Unklaren darüber gelassen.
  • Gott richtet die Ungläubigen anhand ihrer Werke und Worte. Dafür ist der Mensch verantwortlich. Gegenstand des Gerichts ist nicht die Erbsünde oder die sündige Natur. Die hat der Mensch von seinen Vorfahren geerbt. Man wird wegen konkreter Taten gerichtet. Es ist nicht einfach zu erkennen, in welchem Maß Gott die inneren Überlegungen oder Gedankenspiele, solange sie nicht in konkrete Worte oder Taten münden, in die Verurteilung vor dem großen weißen Thron einbeziehen wird (vgl. Röm 2,16). Sicher ist, dass Er diese offenbaren wird (1. Kor 4,5; Heb 4,12).
  • Gottlosigkeit zeigt sich nicht nur durch böse Taten. Die innere Haltung gegen Gott, die Henoch als Rebellion beschreibt („gegen ihn geredet“), offenbart das böse Herz des Menschen.
  • Das Große dieser ersten Weissagung ist, dass sie bis an das Ende der Weltgeschichte geht. Denn sie spricht von dem, der als Richter kommen wird, um das Gericht auszuführen. Das ist der Herr Jesus selbst, der HERR, Jahwe, Gott. Das Alte Testament ist übrigens voll von Weissagungen seines Kommens im Gericht. Dadurch wird Gott sich verherrlichen (Hes 28,22). Gottes Ratschluss für diese Erde besteht nämlich darin, den Herrn Jesus als König und Herrn einzusetzen. Und genauso wird es kommen!
  • Der Herr kommt aber nicht allein! Er kommt inmitten seiner heiligen Tausende. Auch Engel werden „heilig“ genannt (Lk 9,26; Apg 10,22; Off 14,10). Bei Heiligen denken wir aber in erster Linie an die Gläubigen, die im Neuen Testament vielfach „Heilige“ genannt werden (Röm 1,7; 1. Kor 1,2 usw.). Das heißt, wir dürfen und werden den Herrn Jesus begleiten, wenn Er kommt, um Gericht auszuführen und dann seine Herrschaft anzutreten. Was für ein Vorrecht für uns, dort an seiner Seite zu stehen!
  • Dieses Gericht wird umfassend sein und ohne Milde ausgeführt werden. „Gegen alle“ und über „alle Gottlosen“. Das wird in der siebenjährigen Drangsalszeit geschehen, der sogenannten 70. Jahrwoche, von der Daniel spricht (Dan 9,27) und die in Offenbarung 6-19 ausführlich behandelt wird.
  • Das Gericht ist zukünftig, aber fest beschlossen. Die Frage ist nicht, ob es das Gericht geben wird, sondern nur, wann es ausgeführt werden wird. Daher benutzt Judas hier die Vergangenheitsform („ist gekommen“, Aorist Indikativ, sogenanntes prophetisches Perfekt), die für das Wiedergeben historischer Fakten verwendet wird. Hier zeigt sie in die Zukunft, aber als unwiderruflich.
  • Diese erste Prophetie der Schrift und auch der erste Prophet Henoch gehen damit in gewisser Hinsicht über die Weissagungen der Propheten hinaus, die Gott später an sein irdisches Volk Israel gesandt hat. Für Judas ist das Gericht nicht einfach eines über das künftige Israel und die späteren Nationen, sondern auch über die Menschen der heutigen Zeit, die Namenschristen, die abgefallene Christeinheit, aber natürlich erst nach der Entrückung. Es sind solche, die Gottes Wahrheit kennen und bewusst verwerfen. Das alles aber konnte Henoch nicht kennen. Er verstand diese Weissagung auf seine Zeit bezogen.

    Wie mag auf ihn zutreffen, was Petrus schrieb: „eine Errettung, über welche die Propheten nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade euch gegenüber geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherart Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte; denen es offenbart wurde, dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist – Dinge, in welche die Engel hineinzuschauen begehren“ (1. Pet 1,10-12).

Drei wichtige Konsequenzen

  • Wir freuen uns sehr auf den Augenblick, an dem sich Henochs Weissagung vollständig erfüllen wird. Natürlich nicht, dass viele Menschen das Gericht treffen wird – das muss furchtbar sein. Aber wir freuen uns deshalb, weil dann der Herr Jesus auf dieser Erde, auf der Er so geschmäht, verachtet und brutal behandelt worden ist, als Herr und Herrscher anerkannt werden wird. Er kommt zu seinem Recht, das Ihm der Mensch damals nicht zugestehen wollte. Gott wird Ihn vor allen Augen verherrlichen. Jedes Knie wird sich vor Ihm beugen müssen.
  • Zugleich aber sind diese Verse für uns mit einer ernsten Ermahnung verbunden: Henoch war treu im Aussprechen dieser Weissagung. Er war umgeben von gottlosen Menschen. Er setzte in einer Zeit, die voller Gewalttat war, sein Leben aufs Spiel, als er hingebungsvoll Gottes Botschaft weitersagte. Wir sind zwar auch umringt von Schlechtigkeit und vielen gottlosen Menschen, aber uns droht im deutschsprachigen Raum keine Lebensgefahr durch unser Zeugnis. Sind wir treu? Folgen wir dem Vorbild Henochs? Wir sollten an solche denken, die in Ländern wie China, Russland, Nordkorea unter Lebensgefahr ein treues Zeugnis ablegen.
  • Henoch lebte in der Erwartung dessen, was er vom Herrn als Botschaft anvertraut bekommen hatte. Er teilte sein Leben nicht in zwei Bereiche auf – einen irdischen und einen himmlischen, insoweit man von dem Letzteren bei ihm sprechen kann. Sein Leben brachte vielmehr den Himmel auf die Erde. Obwohl er wenig vom Himmel wusste, lebte er als jemand, der durch die aus der Prophezeiung hervorgerufene Erwartungshaltung im Blick auf den Himmel geprägt war. Wir wissen nicht nur mehr vom Himmel, wir sind sogar schon heute mitsitzend im Himmel in den himmlischen Örtern (Eph 2,6). Wir wohnen geistlicherweise dort, der Himmel ist unser Ziel und unsere geistliche Herkunft. Ob er heute schon unser Leben praktischerweise bestimmt? Sieht man uns an, dass unser Bürgertum im Himmel ist und dass wir auf die Wiederkunft Jesu aus dem Himmel warten?

Wir, die wir Jesus als Retter angenommen haben, werden wie Henoch an der Seite des Königs der Könige und des Herrn der Herren sein, wenn Er auf diese Erde kommen wird. Er wird seine Herrlichkeit und Macht mit uns teilen. Was für in Vorrecht, was für eine Gnade, was für ein Geschenk! Die Frage ist, ob wir wie Henoch ein Leben in persönlicher Treue und Loyalität zu dem Herrn führen. Und ob wir das, was Er uns in seinem Wort mitgeteilt hat, in gleicher Entschiedenheit wie Henoch verkündigen und dazu stehen. Unser Herr, der sich selbst für uns hingegeben hat, ist es wert!

Das Henochbuch (äthiopisches oder erstes Henochbuch)1

Der Ausdruck Apokryphen stammt aus dem Griechischen und bedeutet: „verborgen, geheim“. Die apokryphen Schriften des Alten und Neuen Testaments gehören nicht zum Kanon des Wortes Gottes. Sie sind nicht inspiriert durch Gott.

Wahrscheinlich stammt der Begriff aus dem 2. Jahrhundert. Anfangs wurden darunter nicht nur „außerkanonische“ Schriften gefasst. Der Titel zeugte davon, dass diese Schriften „häretisch“ sind, also Irrlehren oder Fälschungen waren. Teilweise wurden solche Schriften von den sogenannten Gnostikern als „Geheimlehren“, daher „apokryph“, nur an Eingeweihte weitergegeben.

In den letzten Jahrhunderten vor dem Kommen Jesu entstanden über die von den Juden als „Schrift“ anerkannten Bücher des Alten Testaments hinaus eine Reihe weiterer religiöser Schriften. Zu nennen sind hier Judith, Weisheit Salomos, Tobias, Jesus Sirach, Baruch, 1. und 2. Makkabäer, Stücke zu Esther und zu Daniel. Diese Bücher waren aber nie Teil der hebräischen Bibel und wurden zunächst in die Septuaginta aufgenommen, die griechische Übersetzung des Alten Testaments (ungefähr 3./2. Jh. v. Chr.). Sie enthalten einige geschichtlichen Ungenauigkeiten. Zudem kann man feststellen, dass Aussprüche wie „So spricht der HERR“ usw., die in dem Alten Testament ca. 2.000-mal vorkommen, in den Apokryphen kein einziges Mal verwendet werden.

Immer wieder heißt es, im Neuen Testament fänden sich Zitate aus den Apokryphen des Alten Testaments. Dafür aber gibt es keinen einzigen Beleg. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass dann, wenn Schreiber des Neuen Testaments über Begebenheiten oder Einzelheiten berichten, die nicht im Alten Testament enthalten sind, Gott ihnen eine entsprechende Offenbarung gegeben hat oder dass diese Tatsachen bei den Gläubigen bekannt waren und von Generation zu Generation weitergegeben worden waren.

Das apokryphe Henochbuch, das allerdings eigentlich der „apokalyptischen Literatur“ der Juden zuzurechnen ist, die an biblische Aussagen anknüpft, hat viele Theologen fasziniert. Wo immer ungläubige Forscher meinen, einen Fehler in der Bibel aufzeigen zu können, forschen und schreiben sie mit großer Energie. Dabei macht ein Vergleich des Judasbriefs mit diesem Buch sofort deutlich, dass es sich nicht um übereinstimmende Dokumente handelt. Immer dann, wenn der Mensch sozusagen unter Anleitung des Teufels abschreibt, finden sich sofort Ungereimtheiten und Fehler.

Im Henochbuch wird beispielsweise vom Gericht „über sie“ – über Israel – gesprochen. Judas dagegen spricht vom Gericht gegen alle, nämlich Gottlose. Das zeigt, dass der Schreiber dieses außerbiblischen Werkes etwas aus Gottes Wort aufgenommen hat (oder womöglich von der damals bekannten Weissagung gekannt hat), sie aber nach seinen eigenen Gedanken auf Israel bezog und damit gerade nicht Gottes Sichtweise aufgeschrieben hat. Denn der Herr, Jahwe, wird nicht sein eigenes Volk richten, sondern ist für sie gerichtet worden (Jes 53). Er wird erst kommen, wenn sie Ihn als Messias annehmen und anerkennen werden. Dann wird Er die Ungläubigen seines Volkes richten. Aber das wird Er als der König tun, den sie einst verworfen haben.

Man nimmt an, dass das „Henochbuch“ zwischen 170 v. Chr. und 70 n. Chr. entstanden ist. Es ist eine Zusammenstellung von Texten verschiedener Zeiten und enthält Hinweise, die mit der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. zusammenhängen.

Grundsätzliche Bemerkungen zur Prophetie

An dieser Stelle stichpunktartig ein paar grundlegende Hinweise zum Thema Weissagung in Gottes Wort. Übrigens sind Weissagung und Prophetie zwei Ausdrücke für dieselbe Sache.

  • Gott sendet Propheten, wenn sich die Menschen allgemein (wie im Fall Henochs) oder das Volk Gottes in einer Phase moralischen Niedergangs befinden. Besonders offensichtlich ist dies bei Mose, Samuel und Elia. Henoch ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür: Die Menschen waren gottlos geworden; deshalb sandte Gott seinen Propheten.
  • Der große, zentrale Inhalt biblischer Prophetie ist Christus und sein Königreich auf der Erde. Wer die Weissagungen des Alten und Neuen Testaments liest, ohne sie mit der Person und der herrlichen Erscheinung Christi zu verbinden, wird den Kern der Prophetie nicht erfassen können. Denn der Herr ist der Mittelpunkt der Gedanken Gottes. Das betrifft sowohl Gottes Ratschluss für den Himmel als auch den für diese Erde.
  • Prophetie hat im Kern mit dieser Erde zu tun. Selbst dann, wenn beispielsweise im Buch der Offenbarung der Himmel geöffnet wird, um uns dort Einblicke zu gestatten, geschieht es im Hinblick auf das, was „danach“ auf der Erde stattfinden wird. Die Versammlung (Gemeinde) nach dem ewigen Ratschluss Gottes ist und war daher nie Gegenstand der Prophetie.2 Der Weg der Versammlung auf dieser Erde (Off 2-3) hingegen schon.
  • Die Weissagungen der Schrift haben zugleich mit der Gegenwart zu tun. Das heißt, sie haben grundsätzlich einen Bezugspunkt zu den aktuellen Herausforderungen, in denen sich die Empfänger der Prophetie befinden.
  • Teilweise spricht Gott in seinen Weissagungen in erster Linie von der Zukunft (Jes 65,17-25; usw.). Das ist oft der Fall, wenn es zum Beispiel um Gerichte geht, oder wenn in der Schrift die Herrlichkeit des Herrn Jesus in seinem Reich präsentiert wird. Aber diese Offenbarungen sollen zugleich immer Auswirkungen auf unsere aktuelle Lebensausrichtung haben. Gott möchte, dass wir von der Herrlichkeit des Herrn auch heute erfüllt sind und dass wir uns angesichts kommender Gerichte jetzt schon geistlicherweise reinigen. Wir brauchen nicht auf das Königreich in Macht und Glanz zu warten. Bereits in der gegenwärtigen Zeit sollen wir in Übereinstimmung mit den Grundsätzen seiner künftigen Regierung handeln.
  • Manchmal spricht Gott in seinen Prophezeiungen über die Vergangenheit. Ein Beispiel dafür ist der Fall Satans (Jes 14; Hes 28). Aber auch dann soll das Auswirkungen auf das konkrete tägliche Leben des Volkes Gottes in der Gegenwart haben. In diesem Fall muss beispielsweise eine Auswirkung der Prophetie in Jesaja 14 und Hesekiel 28 sein, dass man sich nicht im Hochmut erhebt (wie der Satan).
  • Gelegentlich geht es in der Weissagung um nichts anderes als den moralischen Zustand des Volkes Gottes in der Gegenwart. Dann spricht Gott direkt in das Leben der Zuhörer hinein (Hag 1,2-11 usw.).
  • Das griechische Wort für Weissagung (propheteia) heißt übersetzt: hervor-sprechen. Es geht also nicht in erster Linie um vorhersagen, sondern um hervor-sagen, gewissermaßen aus der Gegenwart Gottes hervor. Damit wird enthüllt und offenbart, was aus Gottes Gegenwart kommt. Ein Prophet spricht daher das aus, was Gott gerade jetzt und gerade für die Zuhörer vorgesehen und bestimmt hat. Es entspricht ihrem geistlichen Zustand und hilft ihnen, ein Leben zur Ehre Gottes zu führen.
  • Heute gibt es keine neuen Offenbarungen in der Prophetie mehr, wie wir sie im Alten und Neuen Testament finden. Aber wir alle haben die Weissagung nötig, die sich an unser Gewissen richtet und uns hilft, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht. Das macht deutlich, dass jede Weissagung heute (wie früher) auf Gottes Wort beruhen muss. Sie ist in Übereinstimmung mit der Schrift und wendet diese auf konkrete Lebensumstände an. Das stellt uns ins Licht Gottes und verändert unser Leben, damit es in Gottesfurcht auf Gott ausgerichtet ist.
  • Der größte Teil des Wortes Gottes besteht aus Weissagungen. Sie sind wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet und uns in das Licht Gottes stellt (2. Pet 1,19). Sie sprechen besonders unser Gewissen an, damit wir ein Leben zur Ehre des Herrn führen und alles, was in unserem Leben im Widerspruch zu Ihm steht, bekennen und aufgeben. Es gibt aber noch etwas Größeres! Das ist die himmlische Herrlichkeit des Herrn Jesus, des wahren Morgensterns (2. Pet 1,19). Obwohl natürlich auch das ein Hinweis auf die Zukunft ist, gehört diese Herrlichkeit nicht zur eigentlichen „Prophetie“, weil diese, wie wir schon gesehen haben, mit dieser Erde zu tun hat. Der Herr als der Wiederkommende, der uns zu sich holen wird, erwärmt unsere Herzen und zieht uns an. Die Beschäftigung mit Ihm führt dazu, dass unsere Herzen erfüllt werden von seiner Liebe, Schönheit, Herrlichkeit, Heiligkeit. Wer davon beeindruckt ist, wird den Herrn in seinem Leben umso mehr verherrlichen. Das ist mehr als Weissagung. Es ist die Herrlichkeit der Gnade Gottes, die den Scheinwerfer auf den Herrn im Himmel und auf unsere Beziehung zu Ihm lenkt, die uns innerlich gefangen nimmt für Ihn.
  • Keine einzelne Weissagung darf isoliert betrachtet werden. Gottes Wort ist ein Ganzes und das trifft genauso auf die Prophetie zu. Es ist daher wichtig, dass man eine einzelne Aussage zunächst in ihren Zusammenhangs eingeordnet. Dann sollte man sie mit den übrigen Themen und Inhalten der Weissagungen der Schrift verbinden. Auf diese Weise wird man ein gesundes und stimmiges Bild der biblischen Vorhersagen erhalten. Vor allem hat der Geist Gottes bei der „Weissagung der Schrift“ (2. Pet 1,20) immer das eine Ziel vor Augen: Christus im kommenden Königreich der Herrlichkeit groß zu machen. Getrennt von dieser Erklärung ist jede Interpretation von Prophezeiungen unvollständig oder sogar unbiblisch.
  • Die Weissagung der Schrift hat nicht nur unsere Beziehung zu Gott vor Augen. Immer wieder lesen wir von den Propheten, dass sie auch falsches Verhalten inmitten des Volkes Gottes angesprochen haben. So prangert Gott durch Propheten in dem Leben der Seinen auch unsoziales Betragen, Johannes würde sagen: fehlende Liebe, an.

Fußnoten

  • 1 Es gibt auch noch ein slawisches Henochbuch (auch 2. Buch Henoch genannt) und ein hebräisches Henochbuch (3. Buch Henoch). Beide Bücher sind vermutlich später entstanden (vielleicht 1. Jh. n. Chr. und 6./7. Jh. n. Chr.).
  • 2 Der Apostel Paulus scheint sich in Römer 16,26 nicht auf Propheten des Alten Testaments zu beziehen, sondern auf die Propheten des Neuen Testaments im Sinn von Instrumenten der Offenbarung Gottes (Eph 2,20), die gerade diese bislang unbekannte Wahrheit offenbart haben (vgl. 1. Kor 14,29.30).
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