Henoch - der auf den Himmel wartete

Henoch – einer, der die Entrückung erwartete

Henoch - der auf den Himmel wartete

Henoch wurde entrückt. Das ist eine Tatsache, die der Schreiber des Hebräerbriefs beschreibt. Es stellt sich aber die interessante Frage: Warum wurde gerade Henoch entrückt? Gottes Wort sagt dazu mehr, als man vielleicht auf den ersten Blick denkt ...

Um die Hintergründe der Entrückung Henochs gut verstehen zu können, muss man den Bibeltext in Hebräer 11 über diesen Mann Gottes lesen: „Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe. Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen; denn wer Gott naht, muss glauben, dass er ist und denen, die ihn suchen, ein Belohner ist“ (Heb 11,5.6).

Drei Tatsachen über Henoch

In nur zwei Versen lernen wir Erstaunliches über diesen Gläubigen, der vor über 5.000 Jahren lebte. Seine Entrückung

  1. geschah durch Glauben;
  2. war eine göttliche Antwort darauf, dass er „Gott wohlgefallen habe“: Der Satz wird ausdrücklich mit „denn“ eingeleitet;
  3. war eine Belohnung.

Wenn man diese drei Punkte liest, stellt sich die Frage: Ist die Entrückung nicht ein Akt göttlicher Gnade? Welchen Anteil hatte Henoch daran, dass Gott ihn entrückte? Inwiefern hat seine Entrückung mit Glauben zu tun?

Was bedeutet Entrückung?

Interessant ist: Der Schreiber in Hebräer 11 verwendet für Entrückung ein anderes Wort als vermutlich derselbe Schreiber, Paulus, in 1. Thessalonicher 4. Dort beschreibt der Apostel die Entrückung der Gläubigen und verwendet ein Wort, das auch „wegreißen“ oder „rauben“ bedeutet. In Hebräer 11 benutzt der Schreiber einen Ausdruck, der auch mit „transportieren“, „die Seiten wechseln“ oder „hinüberbringen“ übersetzt werden kann.

Die unterschiedlichen Wörter zeigen zwar unterschiedliche Schwerpunkte, meinen aber denselben Vorgang: Einerseits ist die Entrückung ein „Herausreißen“ aus den aktuellen Lebensumständen, die oft beschwerlich und schwierig, ja regelrecht erbärmlich sind. Andererseits werden wir durch die Entrückung in eine gänzlich andere Sphäre „transportiert“: in den Himmel. Obwohl die Ausdrucksweise in den zwei Briefen unterschiedlich ist, gilt für beide „Vorgänge“, dass Gott der Handelnde ist. Damit ist die Entrückung ein Akt göttlicher Kraft und Gnade.

Judas nennt dieses Kommen des Herrn zur Entrückung in seinem Brief sogar Barmherzigkeit (Jud 21), denn der Zustand der Gläubigen in dieser Endzeit, in der wir heute schon leben, ist elend. Wenn Christus wiederkommen wird, um uns in den Himmel zu holen, bedarf es daher dieser herzlichen Zuwendung in unseren traurigen Umständen. Dieses Bewusstsein bewahrt uns vor Hochmut. Keiner von uns hat dieses Wunder der Entrückung verdient.

Voraussetzungen für die Entrückung?

Kommen wir auf Henoch zurück. Wenn man die drei genannten Punkte vor Augen hat, stellen sich mehrere Fragen:

  1. Ist nicht die Entrückung ein Akt göttlicher Gnade?
  2. Kann denn dann die Entrückung überhaupt von der Glaubenskraft abhängen? Und wenn ja: Wie? In was für einer Hinsicht?
  3. Kann man die Entrückung mit der geistlichen Verfassung eines Gläubigen verbinden?

Es ist klar, dass die Tatsache, dass jemand entrückt wird, nicht von seiner Treue abhängt. Für die Schlussfolgerung, dass man seine eigene Entrückung bewirken könnte, gibt es im Neuen Testament nicht den geringsten Hinweis. In Johannes 14 und 1. Thessalonicher 4 lesen wir gerade nicht, dass der Herr nur die treuen Christen zu sich holt, sondern alle Erlösten. Alle lebenden Erlösten auf der Erde werden an dieser Entrückung teilhaben.

Und doch sagt Gott bei Henoch nicht: Durch göttliche Gnade (oder Macht) wurde Henoch entrückt (obwohl das natürlich wahr ist!). Sondern bei ihm heißt es: durch Glauben. Im Text steht auch nicht: Gott entrückte Henoch, weil er ein Gläubiger war, sondern „durch Glauben“ wurde Henoch entrückt. Wir lesen auch nicht: Weil er in seinem Leben grundsätzlich durch Vertrauen geprägt war, wurde Henoch entrückt.

Was also meint der Geist Gottes, wenn Er sagt: Durch Glauben wurde Henoch entrückt?

Der Glaube Abrahams

Der Vergleich Henochs mit Abraham, der seinen Sohn „durch Glauben“ opferte, und mit Noah, der eine Arche „durch Glauben“ baute, zeigt: Der Glaube war das Motiv und die innere Haltung für das jeweilige Handeln.

Nehmen wir das Beispiel Abrahams: Der Schreiber des Hebräerbriefs sagt: „Durch Glauben hat Abraham, als er geprüft wurde, Isaak geopfert, und der, der die Verheißungen empfangen hatte, brachte den Eingeborenen dar, über den gesagt worden war: ‚In Isaak wird dir eine Nachkommenschaft genannt werden‘; wobei er urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag, von woher er ihn auch im Gleichnis empfing“ (Heb 11,17-19).

Obwohl es vorher keinen Fall der Auferweckung eines gestorbenen Menschen gab, glaubte Abraham aktiv, dass Gott Isaak aus den Toten auferwecken würde, wenn er diesen opferte. Gott hatte ihm gesagt, dass seine Verheißungen durch Isaak erfüllt werden würden.1 So glaubte Abraham Gott, das heißt, er glaubte Gottes Wort. Abraham war sich sicher, dass Gott sein Wort halten würde. Wenn Gott ihm nun auftrug, Isaak als Opfer zu geben und damit zu töten, musste Er Isaak auferwecken, denn in diesem hatte Gott ihm Nachkommenschaft und Segen verheißen. Das war die schlichte und richtige Schlussfolgerung Abrahams „durch Glauben“. Abraham vertraute darauf, dass Gott seine Zusagen einhalten und Abrahams Sohn daher auferwecken würde. So handelte er durch Glauben, als er Isaak opferte.

Der Glaube Noahs

Dann das Beispiel Noahs: „Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses, durch die er die Welt verurteilte und Erbe der Gerechtigkeit wurde, die nach dem Glauben ist“ (1. Mo 11,7). Auch wenn es vorher nie eine Wasserflut über der Erde gegeben hatte (1. Mo 6,17) und es zudem nie geregnet hatte (1. Mo 2,5; 7,4), baute Noah eine Arche und ging in diese hinein, als noch immer kein Regentropfen gefallen und keine Wasserflut über sie gekommen war. Er wusste durch Glauben: Wenn Gott ihm befohlen hatte, ein Schiff aus Holz zu bauen, musste Er für ihn etwas Segensreiches im Sinn haben. So kannte er Gott. Als Prediger der Gerechtigkeit und als jemand, der Gott aufmerksam zuhörte (1. Mo 6,13-22), erwartete er, dass Gottes Wort eintrat. Es gab dafür zwar kein Beispiel, aber Gottes Wort ist immer wahr! Und darauf baute der Glaube Noahs. So handelte er aus Glauben, indem er Gottes Wort vertraute.

Der unglaubliche Glaube Henochs

Diese Hinweise zum Glauben nehmen wir mit in die Geschichte Henochs. Denselben Glauben, der Abraham zur Opferung seines Sohnes und Noah zum Bau der Arche antrieb, hatte auch Henoch im Blick auf seine Entrückung. Natürlich konnte er sich nicht selbst entrücken. Daher steht hier nicht, dass er eigenhändig durch Glauben in den Himmel auffuhr. Aber er wurde durch Glauben entrückt. Wie kann man das konkret verstehen?

Henoch hat tatsächlich durch Glauben auf diese Entrückung gewartet, er hat an seine Entrückung geglaubt, das heißt mit dieser gerechnet. Darauf richtete sich sein Glaube. Er war eben nicht überrascht, als Gott ihn von der Erde wegnahm und in den Himmel holte. Henoch wartete nicht auf seinen Tod. Er wusste im und durch Glauben als jemand, der Gott gut zugehört hatte, dass Gott ihn entrücken würde.2

Mit Recht kann man nun fragen: Woher kann er das denn gewusst haben? Die Antwort finden wir in einem anderen Bibelbuch, im Judasbrief. Dort lesen wir von seiner Weissagung, die Gott ihm gegeben hatte. Es ist die erste Weissagung der Schrift, die uns interessanterweise im letzten Brief des Neuen Testaments mitgeteilt wird.

Weissagung als Grundlage des Glaubens

Gott hatte Henoch aufgetragen, ein Wort Gottes, das die Zukunft betraf, unter den Menschen zu verbreiten: „Es hat aber auch Henoch, der Siebte von Adam, von diesen geweissagt und gesagt: ‚Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, um Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben.‘“3

  1. Gott hatte Henoch also gesagt, dass der Herr kommen würde, um Gericht über die gottlose Welt auszuüben. Henoch hatte seine Mitmenschen in ihrer Gottlosigkeit erlebt. Das bestätigt Gott durch dieses Wort der Weissagung, das Er Henoch aufgab im Blick auf seine Zeitgenossen. Da es ein Gericht „gegen alle“ war, war sich Henoch bewusst, dass seine Umgebung vollständig durch Gottlosigkeit geprägt war und durch das Gericht umkommen würde. Wir können davon ausgehen, dass seine Zeitgenossen nach seinem Leben trachteten, als er in Treue Gottes Gericht über sie ankündigte. Diese Menschen waren durch Gottlosigkeit, Verdorbenheit und Unmoral geprägt (1. Mo 6,11). Und wer lässt sich schon in einer Gesellschaft, die nicht gerade zivilisiert ist, immer wieder Gericht ankündigen? Auch gegenüber Noah sprach Gott viele Jahre nach der Entrückung Henochs davon, dass Gott Gericht über die gottlosen Menschen bringen würde. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Henoch erfuhr, dass Gott dazu auf die Erde kommen wird. Es würde also nicht einfach ein Gericht aus dem Himmel sein, sondern der Richter selbst würde kommen, um dieses Gericht auf der Erde auszuführen.4
  2. Nun gibt es noch einen zweiten wichtigen Aspekt in der Mitteilung Gottes. Er sagte nämlich, dass der Herr (Jahwe) „inmitten seiner heiligen Tausende“ kommen wird. Damit war Henoch klar: Gott kommt nicht „allein“, sondern Heilige begleiten Ihn. Das konnten nur solche sein, die auf der Erde an Gott geglaubt hatten. Wir lesen nicht, dass Gott zu Henoch oder anderen von Engeln gesprochen hatte, obwohl Gottes Wort klar macht, dass Engel Ihn begleiten werden (2. Thes 1,7; 5. Mo 33,2). Auch andere Stellen bestätigen, dass der Herr mit den Seinen kommen wird (Sach 14,5; 1. Thes 3,13; 4,14; Off 19,14; 2. Thes 1,10). Henoch selbst war kein Ungläubiger, kein Gottloser, sonst hätte Gott ihm diese herrliche Weissagung nicht gegeben. Bileam (4. Mo 23-24) und Kajaphas (Joh 11) sind absolute Ausnahmen. Also musste er als ein Heiliger auf irgendeinem Weg in den Himmel kommen, wenn Gott mit seinen Heiligen zum Gericht kommen würde: Er musste dabei sein, denn er würde nicht unter Gericht kommen, da er keiner der Gottlosen, sondern einer dieser Heiligen war. Dass es auf dieser Erde einen Überrest Gläubiger geben würde, wie ihn Noah später darstellte, wusste Henoch nicht. Das hatte Gott ihm offenbar nicht mitgeteilt. Wir lesen jedenfalls davon nichts in der Weissagung.5

Die Naherwartung

  1. Gott hatte Henoch aber nicht gesagt: „Der Herr wird irgendwann kommen inmitten seiner heiligen Tausende“, also (irgendwann) in einer womöglich fernen Zukunft. Nein, das himmlische Wort war: Er „ist gekommen“. Damit war klar, dass dieses Kommen feststand in Gottes Ratschluss.6 Henoch rechnete anscheinend damit, dass das Kommen des Herrn unmittelbar bevorstand. Sonst würde Gott nicht sagen: „ist gekommen.“ Auf dieses Kommen wartete er: im Glauben. Zugleich macht diese Ausdrucksweise deutlich, dass Gott im Begriff stand, das angekündigte Gericht auszuführen (man nennt das im Griechischen: Vollzugsperfekt). Das Eintreten war zu jeder Zeit möglich, ja zu erwarten. Henoch konnte nicht erwarten, dass er noch eines natürlichen Todes sterben musste. Als der HERR ihn entrückte, war er 365 Jahre alt. Damals wurde man über 900 Jahre alt. Das wäre also vergleichbar heute mit einer Person, die im Alter von jedenfalls weniger als 36 Jahren erfahren würde: Der Herr wird in Kürze kommen, um Gericht gegen alle Ungläubigen zu üben. Auch wenn es damals schon Krankheiten gegeben haben mag, dachte wohl niemand an ein so frühes natürliches Ableben. Also konnte es aus Henochs Sicht, wenn er Gottes Wort im Glauben genau und ernst nahm, nur ein baldiges, übernatürliches Eingreifen Gottes geben.

Mich erstaunt immer wieder diese Schlichtheit des Glaubens der damaligen Gläubigen. Weder Henoch noch Abraham oder Noah hatten Vorbilder für das, was sie (Gott) glaubten. Es gab auch für Henoch kein Beispiel einer Entrückung, auf das er sich hätte stützen können. Was ist denn das Wesen des Glaubens? „Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht. Denn in diesem haben die Alten Zeugnis erlangt“ (Heb 11,1). Die Hoffnung ist seine sichere Erwartung, keine ungewisse Hoffnung, wie wir sie im irdischen Leben kennen. Henoch erwartete den Herrn zu seiner Entrückung. Er wusste nur nicht, wann das geschehen würde.

Für uns ist die Situation eine andere als für Henoch! Wir kennen drei Himmelfahrten: Henoch, Elia und besonders Christus. Jedes Mal gab es im Vergleich zum vorherigen Mal mehr Zeugen. Wir heute haben sogar viele Beweise, dass Gott die Wahrheit gesprochen hat und seine Versprechen einlöst. Viele erfüllte Weissagungen im Blick auf den Herrn Jesus und bereits in alttestamentlicher Zeit realisierte Vorhersagen (Kyros, die Weltreiche usw.) bestätigen das.

Die Herausforderung: den Glauben Henochs leben

Aber haben wir den Glauben Henochs? Er hatte noch nicht einmal eine direkte Zusage, dass der Herr ihn entrücken würde. Aber für ihn gab es offenbar nur diese Schlussfolgerung aus den Worten, die er selbst verkünden sollte: Natürlich wird mich der Herr zuvor entrücken (müssen). Und darauf wartete er anscheinend mit großem Glaubensausharren. Wir können sicher sein, dass Gott den Glauben Henochs prüfte. Würde er seine Erwartungshaltung beibehalten und ein treuer Zeuge bleiben, damit noch Vielen das kommende Gericht angekündigt würde und sich noch möglichst viele „bekehren“ würden? Er hat diese Erprobung bestanden. Das zeigt die Aussage, die wir in Hebräer 11,6 über ihn lesen können.

Ist das für uns, die wir viel mehr besitzen als Henoch (das vollständige Wort Gottes; der Geist Gottes wohnt in uns; das Erlösungswerk ist vollbracht; wir kennen den Herrn Jesus; erfüllte Weissagungen) nicht beschämend? Wir sollten uns fragen, wie unser Glaubensvertrauen sowie unsere Erwartungshaltung auf eine viel klarere Aussage des Herrn aussieht: „Siehe, ich komme bald!“

Glaube beruht auf Gottes Wort und wird belohnt!

Henoch glaubte auf der Basis von Gottes Wort voller Vertrauen daran, dass Gott ihn in den Himmel holen würde: sofort! Wie viele Tage, Wochen, Monate, Jahre er warten musste, wissen wir nicht. Aber er wartete mit Ausharren und bewährte sich im Glauben. Gott sah in dieser Zeit, dass er sich nicht „gehen ließ“, sondern so lebte, dass Gott Freude an ihm hatte. Offenbar war er dabei (fast) der Einzige, der so lebte. Gott konnte daher gewissermaßen nicht anders, als ihn zu entrücken: „Denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe.“ So belohnte Gott die Treue dieses Mannes auf diese besondere, fast einzigartige Weise.

Es gibt nur noch einen weiteren alttestamentlich Gläubigen, von dem es wie bei Henoch heißt, dass er mit Gott wandelte: Noah (1. Mo 6,9). Auch er wurde für seine Treue belohnt, aber ganz anders als Henoch. Er wurde durch die Flut und Prüfungen hindurch bewahrt. So sind treue Gläubige, die heimgehen „müssen“, letztlich nicht schlechter gestellt als Gläubige, die an dem besonderen Segen der Entrückung teilhaben. Seine Antwort auf unseren Glauben kann sehr unterschiedlich ausfallen. Eines ist in jedem Fall wahr: Er belohnt unser Vertrauen.

Für uns bleibt nur die Frage bestehen auch wenn sich diese Aussage eigentlich nicht auf uns bezieht): „Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“ (Lk 18,8). Henoch sollte uns ein Ansporn sein. An ihm können wir lernen, wie sehr es sich lohnt, für und mit Gott zu leben.

Zitate aus der Schatzkammer vertrauenswürdiger Auslegungen

William Kelly schreibt über Hebräer 11: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Henoch – wie schon Abel – nicht auf alles den Tod geschrieben sah, aber auch den Opfertod als einzigen Weg der Befreiung. Er wusste wie Abel, dass die Ferse des Nachkommens der Frau zermalmt werden musste; aber er wusste genauso und war sich sicher, dass Er der Schlange den Kopf zermalmen würde. Er sah das Leben über den triumphieren, der die Macht des Todes hatte. In diesem Glauben führte er sein Leben und war Gott wohlgefällig. Sein Leben auf der Erde wurde dementsprechend nicht durch den Tod beendet wie bei Abel, sondern durch eine Lebenskraft, die nur ihm geschenkt war. ‚Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte.‘“

Henri Rossier sagt in seinem Heft über Henoch: „Beachte diesen Ausdruck: ‚Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe‘ (Heb 11,5). Man würde eher folgende Aussage erwarten: Durch Glauben gefiel er Gott; dann wurde er entrückt. Aber nein, seine Entrückung war sozusagen ein Teil seines Glaubensweges. Sein Lebenswandel hatte diesen Zweck, es zielte auf seine Entrückung ab, obwohl sie ihm wahrscheinlich nicht im Voraus offenbart worden war. Aber wusste er nicht, dass der Herr, Jahwe, inmitten seiner heiligen Myriaden erst noch kommen würde? Es war eine solche Realität für seine Seele, dass er sagte: ‚Siehe, der Herr ist gekommen‘ (Judas 14). Er erwartete diesen Augenblick wie eine Aktualität; er lebte im Hinblick auf diese glückselige Aussicht, dass der Herr für ihn selbst kommen würde. Und siehe, plötzlich kommt das Ereignis, um seinen Glauben zu bestätigen! Er wird entrückt, um bei dem Herrn zu sein und mit ihm zurückzukehren. Sein Leben, wie wir gesehen haben, war hier auf Erden ein himmlisches Leben gewesen; es hatte im Himmel begonnen und sollte im Himmel fortgesetzt werden.“

Hamilton Smith bemerkt in seinem Kommentar über den Hebräerbrief: „In Henoch haben wir einen weiteren großen Charakterzug des Glaubens gesehen: Er befreit vom Tod. Von Henoch lesen wir, dass er durch den Glauben entrückt wurde, so dass er den Tod nicht sehen sollte. Im Gegensatz zu dem, was man mit den Augen erkennen oder mit dem Verstand erfassen kann und entgegen aller Erfahrung erwartete er, entrückt zu werden, ohne den Tod zu sehen. Nur der Glaube konnte ein Ereignis erwarten, das es in der Geschichte der Menschen noch nie gegeben hatte. So wartet der Gläubige heute nicht auf den Tod, sondern auf die Entrückung.“

Charles Henry Mackintosh schreibt über 1. Mose 5: „Henoch war ‚der Siebte von Adam‘. Es ist höchst interessant zu erfahren, dass der Tod nicht über „den Siebten“ triumphieren konnte, sondern dass Gott in seinem Fall eingriff und ihn zu einer Trophäe seines eigenen glorreichen Sieges über alle Macht des Todes machte. Das Herz freut sich, nachdem es sechsmal den traurigen Bericht „er starb“ gelesen hat, zu erfahren, dass der Siebte nicht gestorben ist; und wenn wir fragen, wie das geschah, lautet die Antwort: durch den Glauben‘. Henoch lebte im Glauben an seine Entrückung und führte dreihundert Jahre lang einen Lebenswandel mit Gott. Das trennte ihn praktisch von allen anderen. Mit Gott zu wandeln, muss einen notwendigerweise aus der Sphäre der Gedanken dieser Welt herausführen ... Die Hoffnung Henochs war nicht der Tod, sondern die Hoffnung der Versammlung, die der Apostel kurz und bündig so ausdrückt: ˝ seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten˝ (1. Thes 1,10).“

Samuel Ridout bemerkt zu Hebräer 11: „Ich bin sicher, dass Henoch, als er mit Gott wandelte und die Gemeinschaft mit ihm genoss, etwas von der gesegneten Zukunft wusste, die vor ihm lag.“

Frank Binford Hole schreibt über Henoch: Henoch „wurde zu Gott ‚entrückt‘. Der knappe Bericht in 1. Mose 5 besagt, dass er am Ende der 300 Jahre ‚nicht mehr war; denn Gott nahm ihn weg‘. Im Neuen Testament wird dies noch verstärkt: ‚Durch Glauben wurde Henoch entrückt, dass er den Tod nicht sehen sollte, und wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte‘ (Heb 11,5). Hier erfahren wir, dass der Glaube die Kraft war, in der Henoch mit Gott wandelte und in der er schließlich in Gottes Gegenwart versetzt wurde. Nachdem er drei Jahrhunderte lang mit Gott gewandelt war, muss es ihm einfach und natürlich erschienen sein, als ihn eines Tages Gott zu sich nahm‘ und Henoch seine irdische Wohnung gegen die Wohnung Gottes selbst eintauschte.“

Clarence Esme Stuart vermerkt über Hebräer 11: „Abel brachte im Glauben das richtige Opfer dar. Henoch wartete im Glauben auf die Erfüllung der Verheißung Gottes. Noah war im Glauben damit beschäftigt, eine Arche für die Rettung seines Hauses zu bereiten. Abraham verließ im Glauben Heimat und Land auf den Ruf Gottes hin und zog aus, ohne zu wissen, wohin er ging.“

Fußnoten

  • 1 Eine gewisse Vorstellung von Leben aus dem Tod hatte Gott Abraham allerdings doch schon im Vorhinein gegeben. Denn Gott gab Abraham und Sara ihren Sohn Isaak, als sie beide eigentlich keine Kinder mehr hätten bekommen können. Gottes Wort spricht von einem erstorbenen bzw. abgestorbenen Leib (Röm 4,19; vgl. Heb 11,11.12). In gewissem Sinn gab Gott somit auch schon mit der Geburt von Isaak Leben aus dem Tod. Und doch ist das nicht vergleichbar mit dem, was Gott anlässlich der Opferung Isaaks schenken würde.
  • 2 Dieser Gedanke mag manchen Leser erstaunen. Diese Frage wird auch von manchen vertrauenswürdigen Bibelauslegern nicht berührt. Ich gebe daher am Ende dieses Kapitels einige entsprechende Zitate weiter.
  • 3 Für uns Christen, die wir die ganze Schrift in Händen halten, ist natürlich klar, dass sich diese Weissagung auf das zweite Kommen Christi bezieht. Er wird in Macht und Herrlichkeit wiederkommen und bei seiner Erscheinung Gericht üben. Dieses Wissen unseres Glaubens dürfen wir aber natürlich nicht in Henoch „hineinlegen“. Was wusste er von dem Messias? Vielleicht durch Gottes Offenbarung an Adam etwas durch den Samen der Frau (1. Mo 3,15). Aber die Zusammenhänge, die uns bekannt sind, konnte er natürlich nicht erfassen. Er hat diese Weissagung (wie alle seine „Nachfolger“ im Alten Testament) für die damalige Zeit genommen und musste erwarten, dass sich diese Prophezeiung in dem Sinn, wie sie ausgesprochen wurde, auch erfüllen würde. Tatsächlich ist das immer das Wesen von Prophetie: Auch, wenn sie sich auf die weit entfernte Zukunft bezieht, hat sie immer Auswirkungen auf die Gegenwart.
  • 4 Natürlich ist wahr, dass sich diese Weissagung erst in der Zukunft endgültig erfüllen wird, wenn der Herr Jesus erscheinen wird, um sein Gericht auszuführen.
  • 5 Und dass sich diese Weissagung in voller Weise erst viele Tausend Jahre später erfüllen würde, konnte Henoch – wie gesagt – nicht wissen und wurde ihm auch nicht offenbart. Jedenfalls lesen wir davon nichts im Bibeltext. Bedenken wir, dass es überhaupt die erste Weissagung des Wortes Gottes ist.
  • 6 Man nennt diese grammatische Ausdrucksform im Griechischen „prophetisches Perfekt“. Das Eintreten ist sicher, wenn es auch erst später stattfindend. Daher wird der Satz in einer Vergangenheitsform ausgedrückt. Allerdings sprach Gott zu Henoch nicht in griechischer Sprache. Wir dürfen diesen „grammatikalischen“ Aspekt also nicht auf Henochs Weissagung bzw. Gottes Wort ihm gegenüber beziehen. Er musste somit mit einer unmittelbaren, jedenfalls bald stattfindendenden Ausführung dieses Gerichts rechnen.
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