Die Versammlung und Israel
Vorbilder im Alten Testament
Einleitung

Zwei Arten von Vorbildern
Das Alte Testament ist mit Recht das Bilderbuch des Neuen Testaments genannt worden. Viele Begebenheiten, Gegenstände und Personen liefern treffende und erstaunlich präzise Illustrationen neutestamentlicher Wahrheit.
In diesem Buch beschäftigen wir uns mit zwei Gruppen solcher Vorbilder 1. Auf den ersten Blick sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass sie tatsächlich von zwei ganz verschiedenen Menschengruppen handeln, nämlich von Israel einerseits und von der Versammlung oder Gemeinde 2 andererseits:
- Israel besteht aus den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, also den zwölf Stämmen Israels.
- Die Versammlung besteht aus allen Gläubigen der christlichen Zeitepoche. Sie sind durch den Heiligen Geist zu einem Leib getauft, d.h. organisch miteinander verbunden und zu einer Einheit geworden. Gemeinsam sind sie mit Christus als ihrem himmlischen Haupt verbunden.
Gott verfolgt einen besonderen Plan für das Volk Israel. Dieser Plan hängt mit der Erde zusammen. Es geht darum, dass die Nachkommen Abrahams einmal das Land Israel besitzen werden und dort in Frieden leben werden. Das wird der Fall sein, wenn Christus im 1000-jährigen Friedensreich auf der Erde herrschen wird.
Aber Gott verfolgt ebenso einen genialen Plan mit der Versammlung. Sie ist heute schon mit Christus im Himmel verbunden. Ihre Zukunft ist im Himmel. Und während sie sich heute noch auf der Erde befindet, schlägt ihr Herz für den Mann im Himmel: Christus, verherrlicht, zur Rechten Gottes.
Das Alte Testament enthält sehr passende Vorbilder für beides: Israel und die Versammlung. Manche davon (etwa die Lebensbilder verschiedener Frauen im Alten Testament) sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich. Erst bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass man sie klar voneinander unterscheiden muss.
Interessanterweise stoßen wir zuerst auf ein Vorbild, das die Versammlung betrifft: Eva, die erste Frau der Welt. Daher beginnen wir mit den Vorbildern, die die Versammlung betreffen. Der zweite Teil des Buches ist Vorbildern gewidmet, die von dem Volk Israel (in seiner zukünftigen Form) sprechen.
Einlegung oder Auslegung?
Manchen Bibellesern ist diese Sichtweise fremd. Sie fragen sich, ob Gott uns wirklich durch diese alttestamentlichen Biografien etwas über die Versammlung sagen möchte. Dabei sind folgende Fragen zu bedenken:
- War die Versammlung nicht im Alten Testament noch unbekannt?
- Sollten wir Belehrungen nicht auf das Neue Testament stützen, statt sie aus Vorbildern des Alten Testaments abzuleiten?
- Muss man sich nicht vor fantasievoller Auslegung hüten?
- Ist die Bibel nicht eher buchstäblich zu verstehen?
- Gibt das Neue Testament eine Legitimation für eine solche typologische (bildhafte) Auslegung?
Die biblischen Antworten dazu
Alle diese Fragen sind mit einem „Ja“ zu beantworten:
- Die Wahrheit über die Versammlung wurde erst mitgeteilt (und konnte erst mitgeteilt werden), nachdem Christus als verherrlichter Mensch im Himmel war und der Heilige Geist die Versammlung gebildet hatte (Röm 16,25; Eph 3,4.5.9; Kol 1,24-27). Das heißt aber nicht, dass es nicht im Alten Testament Bilder von der Versammlung gibt. Diese Bilder können wir allerdings nur im Licht des Neuen Testaments verstehen.
- Belehrung kann nicht auf Vorbilder gegründet werden. Sie muss im Neuen Testament zu finden sein. Vorbilder können sie veranschaulichen.
- Fantasie hat in der biblischen Auslegung keinen Platz. Auch typologische Auslegung muss mit den klaren Lehraussagen der Bibel im Einklang sein (siehe Punkt 2).
- Die Bibel ist zuerst buchstäblich zu verstehen: Eva, Rebekka und Asnat waren Frauen, die buchstäblich die Erfahrungen gemacht haben, von denen die Bibel berichtet. Aber das ändert nichts daran, dass ihre Biografien – zusätzlich – neutestamentliche Wahrheit illustrieren.
- Das Neue Testament liefert unmissverständliche Zitate und Anspielungen, die die typologische Auslegung stützen. Ein deutliches Beispiel dafür ist Epheser 5,30-32.
Fußnoten
- 1 Eine Bemerkung zum Sprachgebrauch: In diesem Buch ist mit „Vorbild“ im Allgemeinen nicht ein Vorbild gemeint, das wir nachahmen sollen, sondern ein „Vor(aus)bild auf etwas“, d.h. eine Illustration oder Veranschaulichung. Die Bibel benutzt dafür auch den Ausdruck „Schatten“ (Kol 2,17; Heb 10,1). In diesem Sinn ist beispielsweise Joseph ein Vorbild von oder auf Christus: Im Licht des Neuen Testaments erkennen wir, dass der von seinen Brüdern verkaufte und schließlich erhöhte Joseph sehr treffend veranschaulicht, dass Christus von seinen Brüdern an die Nationen verkauft wurde, schließlich aber den höchsten Platz bekam.
- 2 Das griechische Wort für „Versammlung“ (ekklesia) hat die Grundbedeutung „Herausgerufene“. Es bezeichnete bei den Griechen eine Versammlung (etwa eine Bürgerversammlung, siehe Apg 19,39), die zusammengerufen wurde, um über politische Fragen zu sprechen. Heute wird das Wort auch oft mit Gemeinde oder Kirche übersetzt. Die Übersetzung Versammlung trifft m. E. den biblischen Sinn am besten, nämlich dass Menschen aus der Welt herausgerufen werden zu Christus, um diese Versammlung zu bilden. Ihre Darstellung findet sie dort, wo man sich als Versammlung um Ihn versammelt. Deshalb benutzen wir im Folgenden meistens diesen Ausdruck. Damit ist keine Organisation oder Glaubensgemeinschaft gemeint, sondern der aus allen gläubigen Christen bestehende Leib Christi.